Geschichte der Transplantation


Die Transplantation von Organen und Geweben übt seit jeher eine starke Faszination auf Menschen aus. Eines der ältesten Dokumente stammt aus der hinduistischen Mythologie des 12. Jahrhunderts vor Christus und berichtet von Ganesha, dem der Kopf eines Elefanten transplantiert wurde. Spätere Dokumente aus dem 3. Jahrhundert vor Christus beschreiben den Austausch von Herzen durch den chinesischen Arzt Pien Ch'iao. Am bekanntesten ist die Legende der heiligen Zwillinge St. Kosmas und St. Damian, die im dritten Jahrhundert nach Christus gelebt haben sollen. Ihnen wird posthum die Transplantation des Beines eines verstorbenen Mooren auf einen weissen Mann nachgesagt. Im 18. Jahrhundert berichtete der schottische Chirurg John Hunter von einer Reihe von experimentellen Operationen, bei denen er Transplantationen ohne Gefässanschluss durchführte (Zähne, Sehnen, Hoden, u.a.). Dass Transplantate abgestossen wurden, und zwar je nach Spender in unterschiedlichem Masse, beschrieb 1863 Paul Bert. Allerdings hatte Gaspare Tagliacozzi aus Bologna, der die sog. italienische Methode der Nasenrekonstruktion aus eigenem Gewebe entwickelt hatte, bereits 1596 festgestellt, dass der „singuläre Charakter des Individuums uns vollkommen davon abhält, dieses Verfahren an einer anderen Person auszuführen". Dies ist Jahrhunderte vor der Erforschung von Genetik und Gewebeantigenen eine bemerkenswerte Aussage.



Versuche im 20. Jahrhundert

Die Geschichte der Organtransplantation und ihrer klinischen Anwendung findet aber eigentlich erst im 20. Jahrhundert statt, aufbauend auf den Entwicklungen der Anästhesie (Narkoseverfahren) und der Antisepsis (Abtötung von Keimen im Operationsgebiet). Bereits anfangs des Jahrhunderts wurden die ersten Versuche zur Nierentransplantation durchgeführt: Emerich Ullmann transplantierte 1902 erfolgreich Nieren bei Hunden unter Verwendung von Magnesiumröhrchen zur Gefässverbindung, während die Versuche von Mathieu Jaboulay 1906 beim Menschen wegen der Verwendung tierischer Spender erfolglos blieben. Alexis Carrel entwickelte zusammen mit Charles Guthrie die Technik der genähten Gefässverbindung und führte zwischen 1904 und 1920 erfolgreich Transplantationen vieler Organe und Gewebe durch (Nobelpreis 1912).

In den folgenden Jahrzehnten wurden an verschiedenen Zentren erfolglose Nierentransplantationsversuche durchgeführt. Die erste (erfolglose) Transplantation einer Leichenniere wurde vom ukrainischen Chirurgen Yu Yu Voronoy 1933 durchgeführt. Die speziellen Gewebseigenschaften bei der Maus wurden in den 40er Jahren erforscht und stellten die Basis für das Verständnis von Transplantatabstossung beim Menschen dar. In den 50er Jahren beschrieb Peter Medawar die Prinzipien von immunologischer Abstossung und Toleranz (Nobelpreis mit Frank Burnet 1960), so dass nun wieder mehr Interesse für die Methode aufkam, wobei allerdings sämtliche Organe nach technisch erfolgreicher Transplantation auf Grund von Abstossungsreaktionen verloren gingen.



Erste Erfolge beim Menschen

Die erste Nierentransplantation beim Menschen mit Langzeitüberleben des Transplantats wurde 1954 bei eineiigen Zwillingen durch Joseph Murray in Boston durchgeführt. Mit Hilfe von Ganzkörperbestrahlung der Transplantatempfänger (Schädigung des Knochenmarks) gelang es, eine Unterdrückung des Abwehrsystems zu erzielen (Nobelpreis mit Donnall Thomas 1990). In den frühen 60er Jahren wurden pharmakologische und biologische Verfahren der Immunsuppression entwickelt, sowie die Bedeutung der Gewebetypisierung und des sog. Crossmatch-Tests erkannt.

Von den sechziger bis zu den neunziger Jahren machte die Entwicklung der Transplantationschirurgie eine rasende Entwicklung durch (siehe Zeittafel). Neben wachsender chirurgischer Erfahrung spielte die Entwicklung verbesserter Konservierungslösungen zur kalten Lagerung von Organen eine bedeutende Rolle. Weiterhin wurden neue Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems entwickelt, welche die Überlebensraten von transplantierten Organen dramatisch verbesserten. Heutzutage sind eine Vielzahl von Transplantationsverfahren mit der entsprechenden Abklärung und Nachsorge an spezialisierten Zentren zur Routine geworden (Herz-, Lungen-, Leber-, Bauchspeicheldrüsen-, Dünndarm- und Nierentransplantation). Die Sterblichkeit bei der Operation selbst ist gesunken und das Langzeitüberleben hat sich nachhaltig verbessert. Es stehen nun nicht mehr die technischen Probleme der Organtransplantation im Vordergrund, sondern der Mangel an geeigneten Spenderorganen. Vielen Patienten auf der Warteliste bleibt so die lebensrettende Operation verweigert. Neueste Entwicklungen zielen daher auf die Verbesserung des Organangebots durch Ausweitung von Lebendspende bei Niere, Leber und Lunge ab.

 

Chronologie

Chronologie

1963 James Hardy transplantiert in Mississippi einen Lungenflügel (erfolglos)

Thomas Starzl transplantiert in Denver erstmalig eine Leber (erfolglos)

1964Erste Nierentransplantation in der Schweiz vom Leichenspender am UniversitätsSpital Zürich

James Hardy transplantiert ein Schimpansenherz (erfolglos)

1966 Erste Nierentransplantation in der Schweiz vom Lebendspender

Richard Lillehei und William Kelly transplantieren in Minnesota erstmals eine Bauchspeicheldrüse

1967Erste erfolgreiche Lebertransplantation durch Thomas Starzl

Erste erfolgreiche Herztransplantation durch Christian Barnaard in Kapstadt
Erste Versuche mit Dünndarmtransplantation in Minnesota

1973

Felix Largiadèr transplantiert am USZ die erste Bauchspeicheldrüse der Schweiz

1978

Weltweit erste kombinierte Transplantation von Inselzellen der Bauchspeicheldrüse und Niere am USZ durch Felix Largiadèr

1981

Bruce Reitz führt in Stanford die erste erfolgreiche Herz-Lungentransplantation durch

1983 Joel Cooper führt in Toronto die erste erfolgreiche Transplantation eines Lungenflügels durch

Chirurgen aus Hannover transplantieren am Inselspital Bern erstmals in der Schweiz eine Leber

1985

Erste erfolgreiche Transplantation einer gesamten Lunge durch Joel Cooper in Missouri

1987

Erste Herz-Lungentransplantation der Schweiz in Genf

1988Erfolgreiche Dünndarmtransplantation durch Eberhard Deltz in Kiel

Erstmalige Teilung einer Transplantatleber und Übertragung auf ein Kind und einen Erwachsenen durch Rudolf Pichlmayr in Hannover

1989

Henri Bismuth teilt eine Transplantatleber und transplantiert zwei erwachsene Empfänger in Paris

1992

Erste isolierte Lungentransplantation der Schweiz durch Walter Weder am USZ

1995

Entwicklung der laparaskopischen (minimalinvasiven) Entnahmetechnik der Niere bei Lebendspende durch Lloyd Ratner und Louis Kavoussi in Baltimore

1998

Transplantation eines Teils der Bauchspeicheldrüse vom Lebendspender durch David Sutherland in Minnesota